12.03.15 | Rhein-Neckar-Zeitung: Bericht über die Heidelberger Friedens-Mahnwache

Bei der Heidelberger Mahnwache für den Frieden „herrscht Anarchie pur“

Seit Mai 2014 gibt es in Heidelberg jeden Montag eine Mahnwache für den Frieden – Ein Besuch

12.03.2015, 06:00 Uhr
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Das Bunsen-Denkmal ziert ein „Friedens“-Transparent; am Heidelberger Anatomiegarten lauschen derweil um die 20 Zuhörer einem Redner bei der Mahnwache, die dort an jedem Montagabend stattfindet. Fotos: Bernhard Kreutzer.

Von Alexander Albrecht

Heidelberg/Rhein-Neckar. Der Statue von Robert Wilhelm Bunsen haben sie ein großes Stück Stoff um die Hüfte gebunden. „Frieden“ steht auf dem Transparent. Rund um den Begriff haben sich Teilnehmer mit ihren Unterschriften verewigt. Davor flankieren Boxen den Mikrofonständer, zu dem gleich die Redner treten. Es ist ein nasskalter Abend im Anatomiegarten in der Heidelberger Hauptstraße. Ein Abend, an dem man eigentlich lieber zu Hause bleiben mag. Vielleicht haben sich deshalb nur 20 Leute unterschiedlichen Alters zur 41. Heidelberger Friedensmahnwache eingefunden.

Seit dem 26. Mai 2014 rufen die Initiatoren jeden Montag zwischen 19 und 21 Uhr zur Kundgebung auf. Egal ob bei Sonnenschein, Regen, Dunkelheit oder Eiseskälte. Nicht mal über die Weihnachtsfeiertage haben sie eine Pause eingelegt. Was sind das für Menschen?

Eine Stunde vor Beginn der Mahnwache trifft sich die RNZ im Café nebenan mit drei Aktiven. Das intensive und mitunter von Leidenschaft geprägte Gespräch ist für den Reporter nicht immer angenehm. Nicht, weil die Walldorfer Tanja Thede und Jürgen Dickenscheid sowie Hermann Tropf aus St. Leon unsympathisch wären, nein. Man kann mit ihnen durchaus reden und auskommen. Aber die drei lassen kaum ein gutes Haar an der Journalistenzunft und den sogenannten Mainstream-Medien, zu denen sie die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ebenso zählen wie die großen Nachrichtenmagazine und die Tageszeitungen.

Sie fühlten sich nicht ausreichend informiert, das ist der erste Vorwurf. Der zweite wiegt noch schwerer: Medien täuschten durch eine manipulierte Berichterstattung ihr Publikum. Auch das Wort „Lügenpresse“ fällt. Ihre Kritik machen die Mahnwachen-Initiatoren immer wieder an der Ukraine-Krise und der angeblich aggressiven Nato-Ostpolitik fest. „Wir stimmen bestimmt nicht immer mit dem russischen Staatschef überein. Aber uns ist dieses ständige Putin-Bashing zuwider“, sagt Tanja Thede. Die 31-jährige Goldschmiedin bezeichnet sich als „grüne Linke“ und war kurze Zeit SPD-Mitglied, doch mit dem „starren Parteiapparat“ sei sie nicht klar gekommen.

Und dann nennt sie eine Zahl: 27 Millionen. So viele Sowjetbürger seien während des Zweiten Weltkriegs gestorben. „Jetzt ist es in Deutschland wieder in Mode, einseitig auf Russland draufzuhauen. Das ist unglaublich“, ergänzt Tropf, der wie Dickenscheid 67 Jahre alt und Rentner ist. Tropf sagt, auch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko habe zur Eskalation beigetragen. So soll er von pro-russischen Separatisten ein Angebot erhalten haben, seine Soldaten aus dem belagerten Debalzewo herausziehen – was er angeblich ablehnte. Stattdessen habe er geleugnet, dass die Ukrainer von den Separatisten eingekesselt worden waren.

„All das habe ich nicht in der Zeitung gelesen“, schimpft Tropf. Dickenscheid meint: „Wir wollen zu einem tieferen Verständnis der Hintergründe von Konflikten wie in der Ukraine, Syrien, Palästina oder beim IS-Terror beitragen.“ Weitere große Themen der drei und ihrer Mitstreiter sind die Auswirkungen des Finanzkapitalismus auf die politische Großwetterlage und unsere Kultur, die soziale Schieflage in Deutschland oder die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber drängenden Problemen. Über allem steht der Weltfrieden.

Nun ist es das eine, sich über Missstände aufzuregen, ein anderes, deswegen auf die Straße zu gehen. „Unsere Empörung ist schon sehr groß. Und wir wollen etwas bewegen“, erklärt Thede. Das Gespräch streift nun auch Pegida. Man distanziere sich klar und deutlich vom Hauptanliegen dieser ebenfalls wöchentlich demonstrierenden Bewegung, dem Widerstand gegen die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes. Es gebe aber durchaus Forderungen im Programm der Initiative, die interessant seien. „Wir schlagen nicht auf Pegida ein“, sagt Thede. „Wir sind nicht die Antifa 2.0.“ Man sei weder links noch rechts, keinem Parteienspektrum zuzuordnen und verurteile Gewalt in jeglicher Form.

Und raus geht’s in den Anatomiegarten. Normalerweise ist die Kundgebung als offenes Redeforum gedacht. Wie beim „Speakers‘ Corner“ in London darf grundsätzlich jeder das Wort ergreifen. Das ist dem Selbstverständnis der Heidelberger Mahnwache geschuldet. „Wir sind kein Verein, bei uns herrscht Anarchie pur“, sagt Thede. Ob die geringe Zahl der Teilnehmer, die aktuell meist bei 20 bis 30 liegt, nicht frustrierend sei? „Wer einmal von einer Stechmücke gestochen worden ist, weiß, wie wirksam ein kleiner Organismus sein kann“, meint Dickenscheid. Und man sei ja nicht alleine, bundesweit gebe es 120 Friedensmahnwachen.

Nächsten Montag geht es im Anatomiegarten weiter. Bereits für diesen Samstag haben die Mahnwachen-Organisatoren alle Friedensbewegungen in der Stadt zu einer Demonstration unter dem Titel „Heidelberg zieht in den Frieden“ eingeladen. Startschuss ist um 14 Uhr am Bismarckplatz. Es folgen ein Marsch durch die Hauptstraße und eine Kundgebung auf dem Kornmarkt.

Link zum Online-Artikel der RNZ

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