Politik ist narzissmuspflichtig

Ein narzisstisches Defizit ist im Grund die beste Voraussetzung für das politische Geschäft. Mit einem gesunden, gesättigten Narzissmus würde man sich niemals auf eine „Spielwiese“ begeben, auf der es um Machterhalt, um Sieg oder Niederlage, um ständige Kämpfe, um Intrigen oder Korruption geht.
Mit gesundem Narzissmus ist man sich selbst genug im Auf und Ab der Rhythmen und Zyklen der natürlichen Bedürfnisbefriedigung. Es geht dann um erreichbare Entspannung und nicht um immer mehr Macht und jeden Preis.
Aber für das narzisstische Defizit bietet die real existierende Politik hervorragende Möglichkeiten zur Kompensation und Ablenkung.
Politische Ämter und Funktionen bedienen vor allem das Größenselbst. Die Wähler befinden sich in Entsprechung dazu in der kollusiven Rolle des Größenklein: abhängig, führungsbedürftig, mit der Suggestion, wichtig zu sein, und in der Illusion, per Stimmzettel etwas bewirken zu können.
Gemessen an der gesamtgesellschaftlichen Misere will es mir heutzutage nahezu gleichgültig erscheinen, welche Partei man wählt (außer einer rechtsradikalen) – es gibt nur noch graduelle Unterschiede in einem begrenzten Spektrum von Fehlentwicklung. Kommt eine oppositionelle Partei an die Macht, ändern sich höchstens auf der Symptomebene Kleinigkeiten; den narzisstischen Größenwahn hingegen kann keine Regierung stoppen. Das ist aber nicht nur eine Frage von „Sachzwängen“, sondern vor allem der Kollusion der narzisstischen Kompensation: des Zusammenspiels von Hoffnung und Versprechen. Im Größenklein will man befriedigt, möglichst ohne besondere Anstrengung ins Glück geführt werden. Im Größenselbst hingegen braucht man die Überzeugung von machbaren Erfolgen, die man zuerst sich selbst zur narzisstischen Regulation einredet und dann suggestiv-phrasenhaft „verkauft“.
Zur Politik ist heute (und war vielleicht schon immer) derjenige geschaffen, der wegen des persönlichen narzisstischen Makels etwas Großes leisten und Bedeutendes darstellen muss. Das Wichtigste ist der augenblickliche, das heißt auch der lediglich für Augenblicke erreichbare Erfolg. Spätfolgen von Entscheidungen und bedenkliche Zukunftsvisionen dürfen keine Rolle spielen. Einen entscheidenden Beitrag dazu leistet die gestörte, gering entwickelte Empathie bei narzisstischen Störungen. Wer das wirkliche Mitfühlen mit anderen und ein emotional getöntes Bild von der Zukunft nicht kennt, dem fällt es auch nicht schwer, irgendwelche Entscheidungen zu treffen, denen mögliche Folgen emotional distanziert bleiben.
Was zählt, ist lediglich der augenblickliche Erfolg, die aktuelle Zustimmung, die für den Moment einige Befriedigung verschafft, aber keine nachhaltigen Auswirkungen hat. Die Zukunft interessiert im politischen Geschäft wenig, und auch die Sache, um die es vorgeblich geht, ist nur ein Vehikel für den süchtigen Machtkampf und die Selbstbehauptung gegenüber Konkurrenten und Kritikern. Der Konflikt um Ressourcen, der Rückgang der Artenvielfalt, die Vergiftung der Gewässer, der Böden und der Luft, die dramatischen Veränderungen des Klimas, wachsende soziale Ungerechtigkeit – das ist im Prinzip allen und natürlich auch unseren Politikern bekannt. Aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur sind sie jedoch nicht zu prospektiven, visionären und unbequemen Entscheidungen in der Lage – sie brauchen den kurzfristigen Erfolg, sie müssen sich beliebt machen, um im politischen Geschäft bestehen und es als Droge nutzen zu können.
Das demokratische System der Mehrheitsmacht ist wenig geeignet, notwendige, aber unpopuläre Entscheidungen durchzusetzen. Die Mehrzahl der Wähler will und muss belogen werden; ihnen muss etwas vorgemacht und versprochen werden, um ihre narzisstische Bedürftigkeit zu „füttern“. Ein verhängnisvolles Zusammenspiel. Die Gier ist der narzisstische Antreiber, entweder an die Macht zu kommen, um Vorteile, Privilegien oder besonders materielle Boni zu ergattern, oder an den vordergründigen Erfolgen partizipieren zu können. Die Gier ist das narzisstische Symptom der Wachstumssucht, mit der Konsequenz, dass ein anderes Gesellschaftsmodell, das ohne materielles Wachstum auskäme, gar nicht für möglich gehalten wird – ähnlich wie bei Drogensüchtigen, die sich ein abstinentes Leben gar nicht mehr vorstellen und es nur in äußerster Not und dann von schwersten Entzugssymptomen begleitet erreichen zu können. Auch dem Durchschnittsbürger verleiht die Gier im ewigen Bemühen um kleine Profite und im ständigen Konsumstress eine permanente Ablenkung vom inneren Befinden. Die Lust an materiellem Zugewinn, an Konsum und dem individuellen kleinen Wohlstand kann zwar zur wesentlichen Lebensaufgabe werden, aber alle Erfolge, die sich damit verbunden einstellen, erlösen doch nicht vom narzisstischen Bedürfnisschmerz.
In der Politik schneidert sich die narzisstische Kompensation ein Königskleid: große Worte, große Versprechungen, die aufgesetzte Souveränität, die vorgegaukelte Sicherheit, das wunderbar verpackte Nichtwissen, rhetorisch-eloquente Scheingefechte liefern das schillernde Als-ob-Kostüm, und keiner will erkennen, dass der Kaiser nackt ist. Minister schlüpfen von einem Kostüm ins andere, weil es schon längst nicht mehr wirkliche Sachkompetenz geht, sondern vor allem darum, wie sich die narzisstische Abwehr der Bevölkerung zwischen Verheißungen und Erlöshoffnungen am besten stabilisieren lässt. Da ist jede Suggestion oder sogar Lüge recht, um zu verhindern, dass früher Mangelschmerz wiederbelebt wird. Es geht nicht mehr um wirkliche politische Inhalte und Entwicklungen, sondern lediglich noch um den Modus, wie etwas vermittelt wird, um gewählt zu werden. Das Volk als „Souverän“, die Wahlfreiheit und die psychische Reife des Wählers sind die größten Illusionen unseres demokratischen Systems.
Man braucht nur die Statements führender Politiker an einem beliebigen Wahlabend zu verfolgen, um die Problematik narzisstischer Störung und Abwehr zu beobachten: Immer ist jeder irgendwie Sieger, ganz egal, wie das Wahlergebnis tatsächlich ausgefallen ist. Es wird immer zum Erfolg erklärt – das ist narzisstische Abwehrnotwendigkeit. Und wenn es kein blendender Erfolg ist, folgt sogleich die Abwertung der anderen Parteien, bei denen doch irgendein Makel, ein Fehler, eine Trickserei zu finden ist, um von den eigenen schlechten Werten abzulenken. Abwertung der anderen ist die zweite große narzisstische Abwehrnotwendigkeit der narzisstischen Störung. Ist der Absturz der Wählergunst allzu groß, folgt nicht etwa das Eingeständnis falscher Politik oder fehlerhafter Entscheidungen, sondern das Problem wird bagatellisiert und verschoben: Man habe halt die eigene Position nicht ausreichend verständlich machen können, nicht gut genug „rübergebracht“, oder weltpolitische Großereignisse hätten belastend zu Buche geschlagen. Der Narzissmus verlangt Unfehlbarkeit oder zumindest größte und beste Anstrengungen (die natürlich geleistet, nur leider nicht angemessen erkannt und gewürdigt wurden). Die Gratulation eines Wahlverlierers an einen Wahlsieger hört sich in aller Regel so an: ich tue so, als ob mir das alles nichts ausmacht, lasse nur keine Schwäche erkennen (keinen Ärger, keinen Groll, keinen Neid), von einer begründeten Überlegenheit des politischen Gegners bin ich sowieso nicht zu überzeugen, sonst müsste ich ja die eigene Position in Frage stellen. O-Ton von Lorenz Caffier, Spitzenkandidat der CDU bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern am 4. September 2011 (ZDF heute journal), nachdem seine Partei Verluste in Höhe von 5.6 Prozent hinnehmen musste: „Es lag weder an mir noch an unserer Partei, es lag einfach daran, dass wir die erfolgreiche Arbeit, die wir gemacht haben, nicht in den Vordergrund rücken konnten.“ Allein eine solche Aussage eines Spitzenpolitikers reicht meiner Meinung nach schon als Erklärung für die Tatsache aus, dass knapp 50 Prozent der Wahlberechtigten keinen Sinn mehr darin sehen, zur Wahl zu gehen.
Ich bin davon überzeugt, dass die politische Karriere mit dem Ausmaß der narzisstischen Verletzung korreliert. Je größer die frühe narzisstische Verletzung, desto größer auch der Drang nach sekundärer Bedeutung und Macht. Der Blick auf die notwendige eigene Karriere verschafft die Antriebsenergie, die zur übermäßigen Arbeit befähigt, die Terminstress braucht und emotionslose Selbstbehauptung ermöglicht, wobei Skrupel und Zweifel auch sich selbst gegenüber gar nicht erst aufkommen. In politischen Führungsfunktionen verbleibt im Grunde kein Freiraum für privates Leben. Ein Tagesablauf von Termin zu Termin, bei denen es nur noch um Statements, diplomatische Floskeln und Machtkalkül geht, ist unmenschlich und absurd. Kein Mensch würde sich ein solches Leben auferlegen und einige Zeit durchhalten, es sei denn, er zieht daraus narzisstischen Gewinn an Kompensation und Ablenkung.
Ich halte das nicht für bewundernswert, sondern für hochproblematisch, und zwar sowohl für den Mandatsträger als auch für die politische Kultur, in der mit der Kollusion von Größenselbst (Politiker) und Größenklein (Wähler) das narzisstische Problem kollektiv abgewehrt wird. Angesichts dessen führt nicht die wirkliche Sachlage zu den notwendigen Entscheidungen, sondern die narzisstischen Bedürfnisse sorgen für eine Darstellung der Sachlage, wie sie für die Erfolgsregulation gebraucht wird. Solange wir am bestehenden Politikmodell festhalten, bringt die narzisstische Persönlichkeit die besten Voraussetzungen mit, so zu entscheiden und so zu tun, als sei alles bestens geregelt. Zugleich scheint mir das der sicherste Weg, in eine schwere Gesellschaftskrise zu geraten, da es dazu führt, alles politische Tun in den Modus des Als-ob zu versetzen und die Realität nicht mehr abzubilden, sondern narzisstische Illusionen so lange zur Wahrheit zu erklären, bis das falsche Leben kollabiert.
In diesem Sinne ist der „Fall“ des Bundespräsidenten Christian Wulff prototypisch für die narzisstische Verfasstheit unserer Gesellschaft. Bereits bei seiner Wahl musste er „emporgehoben“ werden in ein Amt, dem er nicht wirklich gewachsen war. Das kann man als kollusives Zusammenspiel des Kandidaten im Größenselbst mit der Idealisierung einer Persönlichkeit durch die narzisstische Bedürftigkeit einer Bevölkerungsmehrheit verstehen. Die Idealisierung ist immer die Projektion unerfüllter Bestätigung und der Sehnsucht nach Erfolg. Bei einer narzisstischen Kollusion wird auf beiden Seiten die Realität nicht mehr ausreichend wahrgenommen: Man sieht sich den Kandidaten „schön“, und dieser glaubt nur allzu gern daran, um tiefere Selbstwertzweifel zu betäuben, während die Zujubler ihren Wünschen und Hoffnungen Ausdruck verleihen, indem sie vor der eigenen bescheidenen oder gar bitteren Realität flüchten.
Die Vorteilnahmen des Exbundespräsidenten waren im Grunde klassische Beispiele narzisstischer Bedürftigkeit, nur dass sie eben nicht mehr mit der Würde des Amtes vereinbar sind. Das Präsidentenamt erfordert wirkliche Größe, das heißt primär-narzisstische Sättigung, sonst ist man mit der notwendigen Distanz und Einsamkeit, die mit der Rolle als „Erster Mann im Staat“ einhergeht, heillos überfordert. Dass genau das bei ihm der Fall war, hat Wulff auch mit seinem Krisenmanagement, der fehlenden Einsicht in sein Fehlverhalten und der Unmöglichkeit der Schulderkenntnis deutlich werden lassen.
Der Narzisst im Größenselbst darf keine Fehler und Schwächen erkennen lassen und zugeben, weil sonst das gesamte Abwehrgebäude zusammenzubrechen droht und die unerfüllte Bedürftigkeit gleichsam nackt dastehen würde. Deshalb müssen es auch der große Zapfenstreich und der Ehrensold mit allen Privilegien sein; sie geben dem in die Krise geratenen Selbstbild letzten Halt. Ohne narzisstische Not, ohne den unbedingten Willen, an den kompensatorischen Strukturen festzuhalten, würde keiner die wochenlange Häme, die Medienschelte, die Verfolgung im „Kasperle-Theater“ der Talkshows und als kabarettistisches Schlachtopfer durchhalten. Ein derart „dickes Fell“ ist der nahezu notwendige Panzer des Narzissmus, der sich von außen falsche Ehre anheften lässt und nach innen den Schein der Größe unbedingt verteidigen muss.
Wulff ist an seinem Narzissmus gescheitert, aber er ist auch das Opfer der narzisstischen Projektionen von erhoffter Größe und ihrer gnadenlosen Denunziation, wenn sie schwächelt. Die Macht des Wortes, die dem Bundespräsidenten gewährt wird, muss die unterschiedlichsten Interessen berücksichtigen und zu versöhnen bemüht sein – es ist verbale Taktik und nicht mehr die Freiheit der Rede aus innerseelischer Befindlichkeit. Wenn dann das Größenselbst schwächelt und für die Projektionen unbrauchbar wird, bekommt das Größenklein Futter für seine Rache. So folgt der falschen Verehrung die gnadenlose Abwertung.
Unsere narzisstisch begründete Demokratie ist nicht mehr das „beste aller Systeme“, weil die notwendigen Mehrheiten nicht auf dem Weg emotional getragener, rationaler Entscheidungen zustande kommen, sondern die narzisstische Abwehr im Größenselbst wie im Größenklein in der politischen Arena das Sagen hat.
Wird in den Nachrichten etwa gemeldet, das Präsident Sarkozy und Kanzlerin Merkel sich treffen, um über die Euro-Krise zu beraten, dann klingt das so, als seien diese beiden Menschen in der Lage, wirklich zu verstehen, was zu tun ist: Alle warten gespannt auf die Statements in der Pressekonferenz. Man darf ganz sicher sein, dass es in derlei Gesprächen letztlich nur darum geht, wie man das Sachproblem gestaltet und vor allem vermittelt, um an der Macht zu bleiben und die nächsten Wahlen zu gewinnen. Wir haben es weder mit Übermenschen noch mit so großartigem Sachverstand zu tun, wie wir es zu unserer narzisstischen Beruhigung gerne glauben möchten. Ein ehrliches Statement könnte lauten: Wir wissen nicht weiter, wir brauchen Rat, wie die Fehlerentwicklung zu beenden wäre. Dazu müssten Sachkompetenzen versammelt und Konsenslösungen für die notwendigen Entscheidungen gefunden werden; es müssen deren Folgen, die mit Belastungen für den Einzelnen verbunden sind, und die daraus resultierenden Lebensveränderungen erklärt und breit diskutiert werden, so dass sie allen verständlich und von den meisten mitgetragen werden. Es ginge also nicht mehr um einen Kampf um Mehrheiten, sondern um einen gerechten Konsens samt der damit verbundenen Mühen. Das wäre in der Tat eine andere Gesellschaft, deren Politik nicht mehr narzissmuspflichtig wäre.
Nur in der Überwindung der Motive, aus denen heraus wir der narzisstischen Regulation bedürfen, vermag eine menschliche und gerechte Zukunft zu sichern. Im Moment jedoch liegt die Zukunft der Welt in den Händen von Spielern und Zockern, die profitgierig und völlig unempathisch darum bemüht sind, ihre erhebliche Störung im Glücksspiel und durch Wetten zu regulieren. Die narzisstische Not hat ein Ausmaß des Ausagierens angenommen, das die Welt ins Chaos stürzen kann. Um dieser gefährlichen und unkontrollierbaren Entwicklung Einhalt zu gebieten, wäre insbesondere seitens der zuständigen Amtsträger statt narzisstischer Abwehr die Erkenntnis prinzipieller Fehlentwicklungen notwendig, verbunden mit der Übernahme von Verantwortung für diese Fehlentwicklungen. Erforderlich wären die Einsicht in die begrenzte eigene Kompetenz und das ehrliche Eingeständnis prinzipieller Ratlosigkeit und Hilflosigkeit, die komplexe Krise verstehen und „managen“ zu können. Es wären mutige Visionen und Experimente gefordert, um neue Gesellschaftsstrukturen zu finden und zu gestalten. Das allein würde schon die mühevoll aufgebaute narzisstische Kompensation erschüttern. Dazu kämen die feindselige Kritik und schadenfrohe Häme seitens der politischen Gegner sowie die berechtigte Angst, das Wählermandat zu verlieren samt aller damit verbundenen finanziellen Entschädigungen und sozialen Privilegien. Eine Ursachenbekämpfung – wie die Kanzlerin sie immer wieder behauptet – ist praktisch undenkbar, sie käme einer Selbstabwahl gleich.
Das kapitalistische System wird von narzisstischen Kompensationsprozessen beherrscht und müsste tatsächlich verändert werden; die in die Fehlentwicklung involvierten Regierungen sind nicht mehr imstande, das zu leisten. Aber auch die Menschen gehen bislang meistens nur auf die Straße, wenn es um ihr Einkommen geht, nicht aber, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Selbst die Greenpeace-, Attac- und Occupy-Proteste verebben bislang noch und werden wohl erst dann Massenzulauf bekommen und politische Wirkung zeigen, wenn etwa die Inflation den meisten Menschen das Geld nimmt, das sie zur süchtigen Kompensation ihrer narzisstischen Defizite so dringend brauchen. Einsicht und Vernunft allein aktivieren keine Massenbewegung.
Was ist unsere Demokratie noch wert, wenn die Spekulanten der Finanzwirtschaft über die gesellschaftliche Entwicklung entscheiden? Wenn bloße spekulative Bewertungen an der Börse die reale und redliche Arbeit von Millionen Menschen rein virtuell vernichten können, sind wir gesellschaftlich auf dem Niveau eines Spielcasinos angekommen. Und wer sind die Märkte, die die Politiker vor sich herjagen, weshalb ist die reale Macht an irrationale Prozesse abgegeben worden? Meine Antwort lautet: Wenn selbstwertgestörte Menschen in die Politik gehen, um ihr narzisstisches Defizit durch Macht aufzuwerten, sind sie nicht ihrer selbst mächtig, sondern gejagt von Erfolgszwang, der ihnen von außen diktiert wird. Und dort entfalten vor allem die versammelten Kräfte narzisstisch begründeter Gier ihre Wirkungsmacht, um dem Mangel an Selbstwert ein „goldenes“ Kostüm zu schneidern.
Der ehemalige Spiegel-Chef Stefan Aust brachte mit seinem Film „Die Falle 9/11 – ein Tag, der die Welt veränderte“ das narzisstische Problem der amerikanischen Führung unter Präsident Bush auf den Punkt. Mit den terroristischen Verbrechen des 11. September 2001 wurden die USA zentral in den Symbolen ihrer wirtschaftlichen und militärischen Macht getroffen; das war nicht nur mit bittersten individuellen Verlusten verbunden, sondern bedeutete auch eine schwerwiegende narzisstische Kränkung der USA. Der Film von Stefan Aust zeigte auf, wie die USA dadurch in die Falle geraten sind, indem sie sich im Kampf gegen den Terrorismus, im Irak- und Afghanistankrieg wirtschaftlich und moralisch ruinieren. Letztlich besteht die Falle darin, auf die erlebte Kränkung mit narzisstischer Aggression und das heißt im Grunde genommen mit irrationaler Rache zu antworten. So fließen in politische Entscheidungen offenbar ganz persönliche, narzisstisch motivierte Bedürfnisse ein; selbst vor Lügen wird nicht zurückgeschreckt, um einen Krieg beginnen zu können.
Die USA haben sich provozieren lassen und Verbrechen mit Verbrechen beantwortet. Die Achillesferse westlicher Führer ist der Narzissmus! Reife Persönlichkeiten ohne narzisstische Störung würden Verbrechen mit rechtstaatlichen Mitteln verfolgen und ahnden, zugleich aber die Ursachen des Terrorismus analysieren und dabei eigene schuldige Anteile identifizieren und korrigieren. Angemessene Lösungen lassen sich ausschließlich auf dem Weg von Analyse, Verstehen, Kommunikation sowie eigener Veränderungen finden. Konflikte mit Waffengewalt bewältigen zu wollen, führt nie zu guten Lösungen, insbesondere wenn in die Aggression narzisstische Kränkungswut einfließt und die unangemessene Reaktion neue Verletzungen schafft. Die Spirale der Gewalt lässt sich nur über Kommunikation, Verhandeln und gerechten Ausgleich stoppen. Eine zentrale Aufgabe für die Entwicklung unserer Demokratie wäre ein Wahlverfahren, dass narzisstisch gestörte Persönlichkeiten auf dem Weg zur politischen Macht nicht noch begünstigt, wie es in unseren westlichen Demokratien der Fall ist. Kein Beruf darf ohne entsprechende Prüfungen, die Sachkompetenz und persönliche Eignung berücksichtigen, ausgeübt werden. Warum sollte das nicht auch für politische Ämter gelten? Die narzisstische Störung darf nicht an die Macht!
AUS DEM BUCH „DIE NARZISSTISCHE GESELLSCHAFT“ VON HANS-JOACHIM MAAZ.
Anmerkung des Autors zum Begriff Narzissmus: Seit Sigmund Freud ist „Narzissmus“ ein wichtiger Begriff für die Beschreibung gesunder und gestörter menschlicher Entwicklung. Es gibt inzwischen verschiedene Theorien zum Narzissmus, die hier nicht Gegenstand der Erörterung sein sollen. Als Grundlage meiner Ausführungen beziehe ich mich auf die moderne Theorie des Narzissmus von Hein Kohut, die im Wesentlichen auch von der Säuglings- und Kleinkindforschung bestätigt worden ist und meine eigenen psychotherapeutischen Erfahrungen überzeugend wiedergibt. Der Züricher Psychoanalytiker Emilio Modena hat die Kohut’sche Narzissmus-Theorie in wenigen Sätzen gut zusammengefasst:
Das Selbst entwickelt sich kontinuierlich vom frühen Säuglings- bis ins Erwachsenenalter als Produkt einer einfühlenden spiegelnden Umwelt, in deren Zentrum in der frühen Kindheit die Mutter (das „Selbstobjekt“) steht. Versagt diese…den Dienst…, können sich die angeborenen Fähigkeiten des Kindes nicht entwickeln, was zu einer narzisstischen Störung führt, zu einem schwachen, mangelhaft integrierten Selbst, welches … von Fragmentierung bedroht ist.

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