Die Chemie stimmt ! :) Alte und neue Friedensbewegung nähern sich einander an

Ein Beitrag vom 19. September 2014 auf dem Portal von https://mahnwache.info/

Link zur Quelle: https://www.mahnwache.info/index.php/inhalt/ueberregional/item/34-die-chemie-stimmt-alte-und-neue-friedensbewegung-naehern-sich-einander-an

Für viele vollkommen unerwartet erschien die Tageszeitung „Neues Deutschland“ heute am 29. August 2014 mit der Schlagzeile „Die Chemie stimmt – Alte und neue Friedensbewegung nähern sich einander an“. Im Vorfeld des Antikriegstages veröffentlicht die Zeitung auf den Seiten 2 und 3 dazu außerdem ein sehr umfassendes Interview.
Reich bebildert wird in einer auch für das ND völlig neuen Form über die Montagsmahnwachen, aber auch über das Verhältnis zwischen neuer und alter Friedensbewegung diskutiert und berichtet.
Ich muss nicht betonen, dass mich dies außerordentlich freut. Denn damit wird nun auch bundesweit ein Signal für einen solidarischen Dialog, aber auch für gemeinsame Aktionen von „alter“ und „neuer“ Friedensbewegung gesetzt. Dafür haben wir auch in Hamburg einen ganz kleinen Anteil mit erbracht. Und auch das freut mich natürlich außerordentlich.
Da der Beitrag im ND bisher Online nur für Abo-Kunden lesbar ist, für uns in der Friedensbewegung aber eine große Bedeutung hat, habe ich mir erlaubt diese Abschrift anzufertigen – Andreas Grünwald, Hamburg
[Tageszeitung „Neues Deutschland“ vom 29. August 2014]

Berlin. Individuen, die an sogenannte Chemtrails glauben – dass also die Kondensstreifen von Flugzeugen giftige Chemikalien enthalten, die Böses über die Menschheit bringen – , sind nicht das größte Problem der Montagsdemonstrationen für Frieden. Schlimmere Verschwörungstheoretiker, Antisemiten, Rechtspopulisten und Nazis wurden bei diesen Veranstaltungen gesichtet, nebst vielen Menschen, die mit den Kategorien links und rechts nichts anfangen können oder wollen. »Dubios« fand das zunächst etwa Reiner Braun, Sprecher der Friedenskooperation und langjähriger Mitstreiter in der traditionellen Friedensbewegung. Inzwischen tritt er selbst als Redner bei Montagsdemonstrationen auf. Eine Distanzierung der Veranstalter von Rechtsradikalismus und Antisemitismus trug zu seinem Sinneswandel bei, vor allem aber »junge Leute, die nach Alternativen suchen, für die Gesellschaft, aber auch für sich selbst«. Auch Lea Frings von der LINKEN und Pedram Shahyar von Attac sind der Ansicht, dass die neue Bewegung Unterstützung verdient und man ihre Teilnehmer mit Argumenten für sich gewinnen muss.
Tatsächlich hatten die Montagsdemonstrationen zeitweise deutlich mehr Zulauf als die alte Friedensbewegung, trotz der kriegerischen Konflikte in aller Welt. »Unsere Angebote sind nicht attraktiv für sie«, stellt Braun selbstkritisch fest. Wie also gewinnt man all jene für sich, die Kriege und Waffenexporte ablehnen und der Berichterstattung im Medienmainstream nicht trauen? Wie ist eine neue Öffnung der Friedensbewegung zu erreichen und wie weit darf diese gehen?

»Frieden gehört nicht der Linken

Drei Kriegsgegner über verlorene Breite der Friedensbewegung, nötige Öffnungen und gebotene Abgrenzungen (Neues Deutschland, 29.08.2014)

Die Welt befindet sich im Krieg. Doch wo ist die Friedensbewegung? Die alte gelähmt nach jahrelangen Niederlagen und die neue für die alte ungenießbar. Soll das so weitergehen? Ein Gespräch im Vorfeld des Antikriegstags mit dem Sprecher der Friedenskooperation, der seine ablehnende Meinung über die Montagsmahnwachen geändert hat und mit zwei Linken, die hartnäckig dabei bleiben, dass diese neue Bewegung Unterstützung verdient. Nachgefragt hat Ines Wallrodt.

Reiner Braun, Sie haben sich an­fangs scharf von den neuen »dubi­osen« Mahnwachen für den Frieden distanziert. Jetzt treten Sie selbst dort als Redner auf. Woher der Sinneswandel?

Reiner Braun: Ich habe mir die Mahnwachen genauer angesehen und meine Meinung korrigiert. Die klar formulierte Ablehnung von Rechts­radikalismus und Antisemitismus un­ter anderem durch die Erklärung von Weitersroda hat mir dieses erleichtert. Ich sehe da vor allem junge Leu­te, die nach Alternativen suchen, für die Gesellschaft, aber auch für sich selbst. Diese Suche umfasst Frieden mit anderen Menschen, mit der Na­tur und mit den Tieren. Die Montagsmahnwachen sind eine hochin­teressante Verbindung zwischen In­formation, Aufklärung, Nachdenken und Protest.

Demonstrationen eben.

Braun: Nein, die sind etwas Neues. Wer dahin geht, will zuhören. Bei klassischen Friedensdemos sind die Kundgebungen das Langweiligste. Zwei Drittel der Teilnehmer hört nicht hin. Bei den Montagsmahnwachen wurde mir mit großer Aufmerksam­keit zugehört. Die Menschen kom­men aus einem Gefühl, dass diese ganze Kriegspropaganda irgendwie nicht stimmt, und suchen nach In­formationen, die ihre gefühlsmäßige Empörung unterfüttern. Das müssen wir unbedingt ernst nehmen. Jegli­che sektiererische Trennlinie, die sie in die Schmuddelecke stellt, halte ich für falsch.

Ist es für diese Einsicht nicht zu spät? Die Beteiligung an den Mahnwachen sinkt.

Braun: Nicht überall. Schwankungen sind normal. Im Herbst könnte es sogar wieder einen Aufschwung geben, weil die Bedrohungen für den Frieden eher zu- als abnehmen werden. Ich wünsche mir auch nicht, dass die Mahnwachen einschlafen. Wir müssen nachdenken, wie man zu vernünftigen Synergieeffekten kommt.

Pedram Shahyar: Sicher kann man nie sein. Aber im April dachten viele, die werden die Fußball-WM nicht überleben, dann kam der Hochsom­mer. Jetzt denke ich, solange das Kriegsthema so aktuell bleibt, wer­den Menschen kommen. Die Kriege kommen ja auch immer näher. Schon weil Deutschland ein aktiver Teil da­bei ist. Das macht vielen Angst. Frie­den wird das große Thema der nächs­ten Jahre.

Allerdings war die selbst erklärte neue Bewegung auch noch nie deut­lich größer als die alte.

Shahyar: Das stimmt. Aber es gibt jetzt seit 20 Wochen Mahnwachen in über 100 Städten. Und überall gehö­ren mehr Leute dazu, als auf der Stra­ße sind. Im Netz hat die Bewegung eine aktive Reichweite von locker 100 000 Leuten.

Braun: Anfang Juli waren in Berlin 300 Leute bei der Mahnwache. Das möchte ich mal wieder bei uns hin kriegen, 300 Leute am Montag im Sommer während der WM und der Ferienzeit.

Warum gehen diese Leute nicht zu Veranstaltungen der klassischen Friedensbewegung, wenn sie so ein großes Bedürfnis nach Argumenten haben?

Braun: Weil unsere Angebote nicht attraktiv für sie sind. Weil wir zu stark »nach innen« gerichtet sind. Wir sind nicht offen genug, um neue Men­schen anzuziehen. Wir glauben, be­reits alles zu wissen, und machen uns nicht die Mühe, durch andere Zu­gänge noch einmal darüber nachzu­denken. Die Friedensbewegung war da schon mal weiter. Als wir Anfang der 80er Jahre Unterschriften für den Krefelder Appell sammelten, reagierten viele Menschen mit dem Spruch: Geh doch nach drüben. Es war mühsam, aber wir haben mit denen diskutiert. Und da müssen wir wieder hin.

Lea Frings: In meiner Partei wird immer wieder über die notwendige Verbindung zu Bewegungen gesprochen. Auch die Politikverdrossenheit und die schwache Bereitschaft der Bürger, Proteste auf die Straße zu tragen, sind oft Thema. Nun sind dort Menschen auf der Straße – viele von ihnen haben sich vorher noch nie po­litisch engagiert. Da können wir nicht erwarten, dass sie sofort aus linker Sicht alles richtig machen. Die Ver­urteilungen der Mahnwachen durch Parteibeschlüsse – quasi vom Sit­zungstisch aus – sind ein Fehler, der revidiert werden muss. Die LINKE sollte sich stärker engagieren und versuchen, mit den Menschen ge­meinsam Antworten auf die gestell­ten Fragen zu finden, auch wenn das anstrengend sein kann, anstrengen­der jedenfalls, als einfach alle pau­schal zu verurteilen.

Shahyar: Ein Großteil der Menschen in Deutschland fühlt sich von beste­henden Institutionen nicht mehr re­präsentiert. Dieses Misstrauen schließt die gesellschaftliche Linke ein, weil die oft dieselbe Politikform und dieselbe Sprache pflegt wie die etablierten Parteien. Die Mahnwa­chen sind attraktiv, weil sie nieman­dem gehören.

Und wohl, weil sie sich politisch we­nig festlegen. Viele Teilnehmer leh­nen die Kategorien links und rechts explizit ab, was zuweilen zu einer zu großen Aufgeschlossenheit gegen­über rechten Positionen führt.

Frings: Ich würde es eher Unwissen­heit nennen. Viele wissen nicht, was Anknüpfungspunkte nach rechts sind. Ich bin das erste Mal nur zu der Mahnwache in Berlin gegangen, um mir die sogenannten Neurechten mal anzuschauen, von denen immer die Rede war. Aber die fand ich dort gar nicht, sondern normale Leute, die an gefangen haben, sich durchaus richtige Fragen zu stellen. Nicht Immer Nicht immer mit den perfekten Begriffen, das stimmt. Diese Leute haben völlig unbedarft Fragen gestellt. Und das hat man gegen sie verwendet. Ich habe mich in der Verpflichtung gefühlt zu vermitteln und darauf hinzuweisen, wo die Gefahren liegen, was missbraucht werden kann.

Worüber reden Sie selbst bei den Demos?

Frings: Über Kapitalismus – wie er Kriege befördert, die Auswirkungen im Alltagsleben, in der Wirtschaft, in der Rüstungspolitik, in der Produkti­on unserer Nahrungsmittel und Kon­sumgüter.

Shahyar: Die Ablehnung einer poli­tischen Einordnung ist nicht rechts. Ich sehe die Montagsdemos vor dem Hintergrund der neuen globalen Be­wegungen, auf dem Tahrir-Platz in Kairo, auf dem Syntagma-Platz in Athen, die Indignados in Spanien, Occupy Wallstreet. Das sind alles Be­wegungen, die sich nicht mehr in das klassische Links-Rechts-Schema einordnen und das zum Teil wie die In­dignados sogar dezidiert zurückwei­sen.

Braun: Pedram macht etwas neu, was nicht neu ist. Soziale Bewegungen sind oft nicht in dem Links-Rechts- Schema zu verorten. Die Umweltbe­wegung war in ihren Anfängen nicht ausschließlich links und ist es bis heu­te nicht. Die Friedensbewegung der 80er Jahre wäre ohne die Konserva­tiven wie General Gert Bastian, der 1980/81 noch CDU-Mitglied war, oder Alfred Mechtersheimer un­denkbar gewesen. Die Friedensbe­wegung nach 1945 war ebenfalls kei­ne linke Bewegung, jedenfalls nicht, solange sie eine gesellschaftliche Breite hatte. Linke haben in ihr aus ihrer Geschichte heraus eine wichti­ge Rolle gespielt. Aber Nationalkon­servative wie Graf von Westphalen und Wilhelm Elfes waren ebenfalls Teil dieser Bewegung. In der Frie­densbewegung der 80er Jahre, die heute immer als so sauber und rein mystifiziert wird, waren auch viele »Spirituelle und Esoteriker« dabei. Aber die waren nicht so relevant, weil eine politische Programmatik stärker vorhanden war als jetzt bei den Montagsmahnwachen. Und in der Tat tauchten immer auch Rechtsradikale in sozialen Bewegungen auf. Bei den Afghanistan-Protesten 2001 haben wir die NPD bei den Demonstrationen rausgeschmissen.

Lea Frings stellt die »normalen Leute« in den Vordergrund, die sie bei den Montagsmahnwachen getroffen hat. Aber es gibt auch die anderen – Leute, die Verschwörungstheorien verbreiten, nationalistische oder autoritäre Antworten auf Miss­stände geben. Auch sie haben Ap­plaus bekommen.

Shahyar: Sie spielen eine viel klei­nere Rolle als es nach den Medien­berichten scheint. Ich selbst bin dort hingegangen, weil ich Angst hatte, dass eine neue rechte Bewegung auf die Straße kommt. Aber was ich dort fand, passte nicht zu diesem media­len Bild. Der ganze Platz klatschte Beifall, als ein Redner Solidarität mit den Flüchtlingen am Oranienplatz forderte. Da dachte ich, ich kann nicht stehen lassen, dass man diese Leute als Rechte beschimpft.

Deshalb sind einige Rechtsradikale, die dort sind, kein Problem?

Shahyar: Doch. Aber es ist ein diffe­renzierender Blick auf diese Ver­sammlung nötig. Bei jeder spontanen Bewegungsdynamik versuchen Rechtsradikale aufzuspringen. Wenn die Linken ihre Beteiligung davon ab­hängig machen, ob irgendwo ein Rechter auf dem Platz ist, dann müs­sen sie Bewegungspolitik aufgeben. Bei den Hartz-IV-Demos war es viel dramatischer als jetzt. Da waren or­ganisierte Kameradschaften wirklich drin. Erst durch geschicktes Agieren der Leute vor Ort und dadurch, dass sich progressive und linke Kräfte ein­gebracht haben, war es möglich, die­se Kräfte hinauszudrängen. Das Spannende ist, dass die bei den Ukra­inemahnwachen gar nicht Fuß fassen konnten. Stattdessen werden Linke wie ich überallhin eingeladen. Zum Teil suchen die Mahnwachen vor Ort Hände ringend Leute von der klassi­schen Friedensbewegung als Redner. Ich könnte jeden Montag für die nächsten anderthalb Jahre durch die Republik reisen.

Es gibt auch Teilnehmer, die ver­breiten, die Linken machten die Be­wegung kaputt.

Shahyar: Das sind Einzelstimmen.

Frings: Natürlich sind da auch ein­zelne – sagen wir mal – »schwierige Personen«. Aber mir ist auf den De­mos nur ganz am Anfang mal ein Na­zi begegnet. Was nicht heißt, dass es sie dort gar nicht gibt. Sie wurden von den Medien ja quasi dazu eingela­den. Umso mehr spricht es aus mei­ner Sicht für die Mahnwachen, dass ihnen eine Verankerung nicht gelun­gen ist. Im Internet gibt es solche Kommentare öfter. Sie bilden aber nicht die Mahnwachenteilnehmerin­nen auf der Straße ab. Nur werden die, die im Netz am lautesten schrei­en, leider am meisten wahrgenom­men.

Müssten dann die anderen nicht doch ab und an mal lauter sein, da­mit es keine Missverständnisse gibt? Wer schweigt, stimmt zu, heißt es.

Braun: Mir geht es gar nicht um den einzelnen Rechtsradikalen, den kriegt man schon raus. Mir geht es um die rechtsradikalen Gedanken, die mei­ner Ansicht nach oft nicht erkannt werden. Aus Naivität und Unkennt­nis heraus wird mit Begriffen wie »Zins«, »Zionismus« oder »Souverä­nität« zu leichtfertig hantiert.

Frings: Ich würde die Leute nicht als naiv bezeichnen. Sie sind teilweise nicht so firm im Umgang mit Begrif­fen. Das ist ein feiner Unterschied. Und dann fallen Worte, die bei Lin­ken die Alarmglocken schrillen las­sen. Ich bin schon öfter nach einem Redner ans Mikro gegangen, um et­was gerade zu rücken. Das ist we­sentlich besser, als wenn man im Vorhinein interveniert und sagt: Der darf nicht reden.

Keinerlei Redeverbote?

Shahyar: Man muss vor allem argu­mentativ gewinnen. Die wenigsten linken Aktivisten sind es noch ge­wohnt, mit Positionen, die weiter rechts sind, zu diskutieren. Die Lin­ken heute gehen nicht mehr zu Nicht-Linken. Sie sind in der eigenen Szene verfangen. Nicht jeder, der sagt: »Die Zionisten sind Verbrecher«, ist per se ein Antisemit und Nazi. Das ist eine undifferenzierte und daher proble­matische Aussage. Darauf weise ich auch hin, aber ich versuche das mit .Argumenten zu entkräften. Wir müs­sen wieder lernen, mit Leuten auf Au­genhöhe zu reden, die nicht die glei­chen Diskussionen geführt, die gleichen Bücher gelesen und das gleiche Weltbild haben. Sonst werden wir die Gesellschaft nicht verändern.

Braun: Es gibt zu Recht bestimmte Denkverbote. Faschismus ist ein Ver­brechen, keine Meinung.

Shahyar: Richtig, aber erklärt man das oder sagt man nur, das ist ver­boten? Außerhalb der linken Wohlfühloase muss doch noch vieles dis­kutiert werden, weil es eben nicht selbstverständlich ist. Um den Un­terschied klar zu machen: In der Teaparty würde ich nicht mitarbeiten. Da ist ein reaktionär-rechter politischer Rahmen gesetzt. Die Montagsdemos sind offen.

Braun: Bestimmte Positionen sind untragbar. Auch Trennungen er­scheinen mir weiterhin notwendig. Und das muss deutlicher als bisher ar­tikuliert werden. Die Erklärung von Weitersroda war wichtig. Aber sie muss jetzt mit Leben gefüllt werden.

Shahyar: Das machen wir doch die ganze Zeit: Firewalls durchsetzen. Wir haben den pauschalen Antizio­nismus kritisiert und auf die antise­mitischen Gefahren bei der Kritik des Finanz- und Zinssystems hingewie­sen. Die größte Gefahr bei diesen Mahnwachen sehe ich dennoch wo­anders: Nämlich, dass eine nationa­listische Antwort auf den Imperialis­mus gegeben wird.

Das ist die Grenze, an der das Ge­spräch endet und man sagen darf: Das wollen wir hier nicht mehr hö­ren?

Braun: Die organisierten Rechtsra­dikalen kann man, auch wenn sie nur am Rande dabei sind, auch organi­siert bekämpfen. Reichsbürger werde ich nicht überzeugen. Ob eine diskursive Auseinandersetzung sinnvoll ist, kann daher nur situativ entschie­den werden.

Frings: Das Engagement einiger we­niger Linker hat schon dazu geführt, dass die Debatten mittlerweile um ei­niges sensibler geführt werden. Da­für habe ich in meinem Umfeld auch viel positives Feedback erhalten.

Shahyar: Leute, die einen humanis­tischen Grundkonsens verletzten, dürfen bei den meisten Mahnwachen nicht mehr auftreten. In einer de­zentralen Bewegung wird der Cha­rakter aber immer vor Ort entschie­den.

Wie breit wünschen Sie sich die Friedensbewegung in Deutschland?

Shahyar: Ich bin ein Linker. Aber Frieden gehört nicht der Linken. Das ist eine Forderung für die gesamte Gesellschaft. Ich sage es ganz klar: In einer Friedensbewegung sind Rechtskonservative willkommen. Die sind wahrscheinlich gegen Einwanderung und sorgen sich um das deutsche Kul­turgut. Das teile ich nicht. Aber kon­servative Menschen, die sich als de­mokratische Rechte begreifen, mit denen möchte ich gemeinsam für Frieden eintreten.

Braun: Die Friedensbewegung ist keine antikapitalistische Bewegung. Sie ist im Kern eine lebenserhaltende Bewegung. Konservative haben in der Friedensbewegung Platz, schon, um die politische Hegemonie der Kriegs­befürworter zu brechen. Die deutli­che Meinungsmehrheit gegen die Pershings kam in den 80er Jahren auch zustande, weil es in der CDU ei­ne Friedensinitiative gab.

Wie ist diese Breite der Friedensbe­wegung verloren gegangen?

Braun: Die gesellschaftliche Veren­gung ist eine Folge des großen poli­tischen Bruchs 1999, als Grüne und SPD in den Kosovokrieg gezogen sind. Sie haben sich damit aus der Friedensbewegung verabschiedet. Das hatte zwangsläufig eine Links­verschiebung zur Folge. Die schar­fen Auseinandersetzungen mit die­sen Überläufern haben ein Freund-Feind-Denken befördert. Die Ak­zeptanz von kritischen Positionen in der eigenen Bewegung ist seither ge­sunken. Wer ein bisschen abweicht, steht sofort unter dem Generalver­dacht »Überläufer«. Das ist subjektiv nachvollziehbar, hat aber zu einer ideologischen Closed-Shop-Politik geführt. Wer heute Gewerkschaften und Grüne zu einer Anti-Atomwaffen-Aktion einladen will, bekommt oft zu hören, mit Kriegstreibern ar­beite man nicht zusammen. Durch die Montagsmahnwachen wurden wir brutal darauf gestoßen, dass sich losgelöst von uns etwas Neues ent­wickelt.

Und nun hoffen Sie, dass Sie durch die neuen Montagsdemos wieder zu alter gesellschaftlicher Breite finden?

Braun: Meine Hoffnung ist, dass sich aus dem Neuen und dem, was die klassische Friedensbewegung einbringen kann, etwas entwickelt, das wirklich wieder als breite soziale Be­wegung in die Auseinandersetzun­gen um Krieg und Frieden in diesem Land eingreifen kann.

Wie genau wollen sie dahin kom­men? Bislang sind Ihre Mitstreiter in der Friedensbewegung längst nicht so entschieden wie Sie.

Braun: Ich wünsche mir über einen Austausch von Rednern gemeinsame Diskussionen. Ich könnte mir bei­spielsweise eine gemeinsame Akti­onswoche im nächsten Jahr anläss­lich von 60 Jahre NATO-Beitritt der Bundesrepublik vorstellen.

Shahyar: Wichtig ist Kooperation…

Beide Spektren bleiben also ge­trennt.

Braun: Alles andere würde zur Zeit beide Seiten überfordern. Und wäre auch nicht sinnvoll, sprechen doch beide Bewegungen unterschiedliche »Milieus« an.

Shahyar: Die Kulturen sind sehr un­terschiedlich. Man wird nicht immer stärker, wenn man alles zusammen­schmeißt. Aber der Versuch der Spal­tung muss durchbrochen werden. Überall dort, wo es bereits eine ver­stärkte Zusammenarbeit gibt, läuft es derzeit am besten – in Düsseldorf, Hamburg, Aachen, Nürnberg.

Dezentrale Aktionen wirken nicht sehr schlagkräftig. Ab und an müs­sen Bewegungen ihre Stärke an ei­nem Ort unter Beweis stellen, wol­len sie wahrgenommen werden.

Frings: Ja, für die kommenden Mo­nate brauchen wir Orte für die Verdichtung der vielfältigen Friedens­bewegung – gemeinsame überregio­nale Aktionen. Die Politikerinnen sollen damit rechnen müssen, dass die Bevölkerung Kriegstreiberei nicht kritiklos hinnimmt.

Braun: Es stimmt, eigentlich braucht es solche Zuspitzungen. Aber viel­leicht ist es dazu noch zu früh. Die klassische Friedensbewegung sollte im Herbst eigene Aktionen gegen die Kriege in der Welt auf die Beine stel­len. Wenn es dabei zu mehr Ge­meinsamkeiten käme, wäre dies si­cher für die Stärkung der Anti­kriegsposition sinnvoll.

###

Lea Frings, 31, wohnt in Berlin und arbeitet als Journalistin. Seit sie 16 ist, ist sie bei antifaschistischen, antikapitalistischen und globalisie­rungskritischen Protesten und Aktionen gegen Atomkraft dabei. Seit fünf Jahren ist sie Mitglied der LINKEN.

Reiner Braun, 61, ist seit 1981 in der Friedensbewegung aktiv und hauptberuflich beschäftigt. Der Historiker ist Geschäftsführer der Initiative »Internationale Juristen und Juristinnen gegen den Atom­krieg« (IALANA) und einer der Sprecher der Kooperation für den Frieden, in der sich mehr als 50 friedenspolitische Organisationen zusammengeschlossen haben, von der DFG-VK und WN-BdA über IPPNW bis hin zu Pax Christi.

Pedram Shahyar, 40, war viele Jahre einer der Köpfe von Attac, verfolgte den Arabischen Frühling in Kairo mit und engagiert sich jetzt bei den Montagsmahnwachen für den Frie­den. Der Literaturwissenschaftler be­treibt eine Social-Media-Agentur, hat zuweilen Lehraufträge an der Freien Universität Berlin und unterrichtet argentinischen Tango in Kreuzberg.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s